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Gutachten

Am 26. und 27. Oktober 1948 prüfte ich gem. Verfg. des Ev. Konsistoriums VI 686 v. 14.09.48 die Orgel in der St. Stephanikirche zu Aschersleben. Ursprünglich von Röver-Hausneindorf im Jahre 1907 erbaut erhielt sie auf 3 Manualen (C-g’’’) und Pedal (C-f’) auf pneumatisch traktierten Kastenladen folgende Disposition:
Diese Orgel stand bis 1940. Damals befand sich in Aschersleben die Kirchenmusikschule der Kirchenprovinz Sachsen. Es ist klar, dass das Klangbild dieser Orgel mit ihrer starken Achfußbasis, den vielen Sechzehnfußstimmen in den Manualen, aufdringlichen Streichern und dicken Bässen dem Klangempfinden unserer Zeit nicht mehr entsprach. Die neue Orgelbewegung hat viel Segen gebracht, und schon vor einem Jahrzehnt sah man deutlich, dass die Erkenntnisse richtig waren. Wer aber das barocke Klangideal missverstand, es übertrieb und aus romantischen Orgeln barocke machen wollte, der stiftete in den meisten aller Fälle Unfug. Einen Fall, wie man es nicht machen soll, zeigt die Umdisponierung der Ascherslebener Stephani-Orgel. Für die klangliche Umgestaltung zeichnet der frühere Direktor der KMSch., KMD Bürger, verantwortlich. Die Firma Palandt & Sohnle – Hildesheim führte in den Jahren 1940 bis 1944 die Arbeiten aus. Die orgelbautechnischen Arbeiten sind als einwandfrei zu bezeichnen; die neuen Pfeifen sind in Ordnung, ja teilweise sogar als hervorragend anzusprechen (Rankett 16’, Schalmei 8’, Scharff 5f).
Die neue Disposition entbehrt der Logik, und daher hat die Orgel weder Würde noch Fülle; sie ist nicht raumgreifend, entbehrt des kultischen Ernstes, das Ganze ist durcheinander gewürfelt, in jedem Klavier befinden sich zwar schöne Stimmen, die zu allerlei spielerischen Effektchen und zur Darstellung individueller Gefühlchen dienen, aber nicht geeignet sind, die Gemeinde zur Andacht zu stimmen. Der Klang einer Orgel steht und fällt mit dem Prinzipalchor. Hier sind alle Prinzipale durch Verengung der Pfeifenfüße so geschwächt, dass sie ihren charakteristischen Klang voll verloren haben ...
Um diese buntschillernde Orgel, die weiter nichts darstellt als eine sich in der Äußerlichkeit verlierende Farbpalette, wieder zu einem Instrument zu machen, wie es in eine evangelische Kirche unserer Tage gehört, schlage ich folgendes vor:
  1. Neuintonation der Prinzipale (Aufreiben aller zugekolbten Pfeifenfüße, damit der wichtigste Träger das Orgelklanges, der Prinzipalchor, geschaffen wird. Garantie für Fundament.)
  2. Neuintonation des Weitchores (Mensurerweiterung, damit die Orgel die nötige Fülle erhält.)
  3. Austausch einiger Aliquot- und Seitenstimmen nach einem gut durchdachten Plan entsprechend der Eigenart des Raumes, damit
    • Logik in die Disposition kommt und
    • der Orgel Glanz, Frische und Farbe verliehen wird.
Zur Verwirklichung der o.a. 3 Punkte ist kaum Material nötig, die Orgel erhielte aber neben einem edlen, klaren und überzeugenden Tutti vier klanglich verschiedene und doch äußerst sinnvoll sich ergänzende Werke und würde zu einer hochwertigen Kult- und Konzertorgel, mit der man die gesamte Literatur einwandfrei darstellen könnte, wie man es von einer Orgel dieser Größe billigerweise fordert.

Karl Wutke (Orgelberater)